Rolls-Royce schickt sein außergewöhnliches Elektroprojekt Nightingale auf die Straße. Der offene Zweisitzer soll in den kommenden Monaten unter unterschiedlichsten klimatischen und geografischen Bedingungen erprobt werden. Insgesamt plant der britische Luxuswagenhersteller für die Testfahrzeuge zusammen rund 350 Wochen Erprobungsarbeit.
Project Nightingale wurde im April 2026 vorgestellt und ist die erste sogenannte Coachbuild Collection von Rolls-Royce. Das vollelektrische Modell wird ausschließlich ausgewählten Kunden angeboten und ist auf 100 Exemplare limitiert. Die Auslieferungen sollen 2028 beginnen.

Vom Mittelmeer bis zum Polarkreis
Das globale Testprogramm führt die Prototypen über kurvenreiche Küstenstraßen am Mittelmeer, durch Regionen nördlich des Polarkreises und in die Hitze der arabischen Wüste. Neben starken Temperaturschwankungen sollen die Fahrzeuge auch Höhen von bis zu 2.750 Metern bewältigen.
Den Anfang macht Südeuropa. Für Rolls-Royce besitzt die Region historische Bedeutung: In der Nähe seines damaligen Winterwohnsitzes an der französischen Riviera ließ Firmengründer Henry Royce einst ein Haus für Ingenieure und Designer errichten. Es trug den Namen „Le Rossignol“ – die Nachtigall – und lieferte damit die Inspiration für die Bezeichnung des neuen Elektroprojekts.

Mehr als 1.430 Stunden Aerodynamikentwicklung
Die Entwicklung von Project Nightingale begann nach Angaben von Rolls-Royce bereits vor rund drei Jahren. Noch vor dem Start der Straßenerprobung absolvierten statische Prototypen mehr als 1.430 Stunden in aerodynamischen Simulationen, digitalen Entwicklungsprozessen und im Windkanal.
Auf einem abgeschirmten Hochgeschwindigkeits-Testgelände wurde das Fahrzeug zudem bei Geschwindigkeiten von bis 249 km/h. Ob dieser Wert auch der späteren Höchstgeschwindigkeit des Serienmodells entspricht, lässt Rolls-Royce allerdings offen.
Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Geräuschentwicklung. Da bei einem Elektroauto die akustische Kulisse eines Verbrennungsmotors entfällt, treten Wind- und Abrollgeräusche stärker in den Vordergrund. Die Entwickler arbeiten deshalb daran, unerwünschte Luftgeräusche rund um Karosserie und Verdeck möglichst weit zu reduzieren.

Elektrischer Windabweiser und aufwendiges Stoffdach
Für Fahrten mit geöffnetem Dach erhält Nightingale einen elektrisch betriebenen Windabweiser. Er soll Luftverwirbelungen im Innenraum reduzieren und bei niedrigen Temperaturen dazu beitragen, die Wärme im Cockpit zu halten. Das System wird über einen breiten Geschwindigkeitsbereich hinweg getestet.
Besonderes Augenmerk gilt auch dem Stoffverdeck. Rolls-Royce kombiniert dafür Kaschmir, Textilien und moderne Verbundwerkstoffe zu einer speziell entwickelten, schallisolierenden Konstruktion. Insgesamt muss das Dach zehn unterschiedliche Prüfverfahren bestehen. Untersucht werden dabei unter anderem Material, Mechanik und Funktion bei Temperaturen von bis zu 80 Grad Celsius.
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„Piano Boot“ muss 15.000 Zyklen überstehen
Ein prägendes Detail des Elektro-Cabriolets ist der sogenannte Piano Boot. Dabei handelt es sich um eine seitlich öffnende Heckkonstruktion mit einer freitragenden Mechanik. Während des Entwicklungsprogramms wird das System bis zu 15.000-mal geöffnet und geschlossen, um seine Zuverlässigkeit über die vorgesehene Lebensdauer des Fahrzeugs sicherzustellen.
Das Bauteil ist Teil des aufwendig gestalteten Hecks. Weil das Elektroauto weder Abgasanlage noch Endrohre benötigt, konnten die Designer den hinteren Karosseriebereich freier modellieren. Ein sogenanntes Aero Afterdeck aus Carbon soll für aerodynamische Stabilität sorgen, ohne dass ein konventioneller Heckspoiler erforderlich ist.
Elektrischer Luxus-Zweisitzer im Phantom-Format
Mit einer Länge von rund 5,76 Metern erreicht Project Nightingale annähernd das Format eines Rolls-Royce Phantom, bietet jedoch lediglich zwei Sitzplätze. Grundlage ist die aus Aluminium gefertigte „Architecture of Luxury“, die auch andere Modelle der Marke nutzen.
Optisch orientiert sich der offene Stromer an der Streamline-Moderne und dem späten Art déco. Als historische Vorbilder nennt Rolls-Royce unter anderem die Experimentalmodelle 16EX und 17EX aus dem Jahr 1928. Zu den auffälligsten Merkmalen gehören ein fast einen Meter breiter Kühlergrill mit 24 vertikalen Streben sowie 24 Zoll große Räder – die bislang größten an einem Rolls-Royce.
Im Innenraum setzt die Marke unter anderem auf eine Lichtinstallation mit 10.500 einzelnen Sternpunkten. Das sogenannte Starlight Breeze soll den Eindruck eines bewegten Nachthimmels erzeugen.
Antriebsdaten bleiben vorerst geheim
Obwohl Rolls-Royce den elektrischen Antrieb als zentrales Element von Project Nightingale bezeichnet, hält sich das Unternehmen bei den technischen Eckdaten weiterhin zurück. Angaben zu Motorleistung, Batteriekapazität, Reichweite und Ladeleistung gibt es bislang nicht.
Das umfangreiche Testprogramm soll nun sicherstellen, dass der außergewöhnliche Elektro-Zweisitzer nicht nur gestalterisch, sondern auch technisch den Erwartungen seiner 100 künftigen Besitzer entspricht. Schließlich soll Nightingale trotz seines Sammlerstatus kein reines Ausstellungsstück werden, sondern auf Straßen rund um den Globus zum Einsatz kommen.

