VW e-Golf im Test: Lohnt sich der kompakte Stromer?

Warum kauft man sich einen VW Golf GTI? Warum einen Golf GTD? Warum ein Golf Cabrio? Die Antwort ist einfach und in allen drei Fällen die gleiche: Weil man Bock drauf hat. Weil man Bock drauf hat, einen 230 PS starken Hothatch unterm Ars** zu haben, mit einem geringen Durchschnittsverbrauch über die Bahn zu fliegen oder bei offenen Verdeck die Sonne genießen will. Darum kauft man sich GTI, GTD oder Cabrio und eben kein Basismodell mit deutlich unter 100 PS. Und eben darum kann man sich eben auch für einen VW e-Golf entscheiden. Weil man eben Bock drauf hat. Einen handfesten Grund gibt es für diese Entscheidung ebenso wenig wie für eins der erst genannten Modelle.

Doch warum sollte nun „Bock drauf haben“, sich einen e-Golf zu kaufen, der mit einer maximalen Reichweite von rund 230 Km angegeben ist und mit einem Preis von über 35.000 Euro in der Liste steht (minus 4.000 Euro Umweltbonus)? Die Antwort es einfach: Weil man gerne ein rein elektrisch angetriebenes Auto fahren will, dass aus dem VW-Konzern kommt. Basta. Und ich sage euch eins: Ich kann das sogar nachvollziehen. Denn es ist ein bisschen, als wenn man Teil einer Zukunftsbewegung ist. Schon heute das erlebt, was all die anderen Autofahrer erst in ein paar Jahren erleben (nein, das Verfluchen der geringen Reichweite ist nicht gemeint). Man fährt einfach an allen Tankstellen mit ihren ständig wild hin und her pendelnden Spritpreisen vorbei, hängt sich beim Arbeitgeber (wenn er es erlauft) oder in der heimischen Garage an die Steckdose und freut sich, dass man nun viel „selbstbestimmter“ unterwegs ist. Das stimmt natürlich nur zu einem kleinen Teil, aber das damit verbundene Gefühl ist toll. Genauso wie das rein elektrische Fahren an sich.

Nach dem Drücken des Startknopfes passiert … NICHTS. Halt, stimmt nicht ganz. Es ertönt ein Hinweiston, der einem mitteilt, dass der VW e-Golf nun bereit zum Losfahren ist. Nach Wahl der Fahrstufe „D“ geht’s dann nahezu lautlos auf die Strecke. Ohne Gangwechsel (natürlich) zieht der Motor durchaus sportlich (weil vom Start weg das volle Drehmoment von 290 Nm anliegt) in unter zehn Sekunden auf Tempo 100. Vor allem die ersten paar Meter fühlen sich dabei besonders sensationell an und lassen auch gestandene Sportwagen überrascht stehen. Der Topspeed von 150 km/h ist dafür natürlich nicht geeignet. Doch das Schnellfahren ist eh nicht so die Vorzeige-Disziplin des umgerechnet 136 PS starken Kompakt-Stromers. Vielmehr lautet hier die Devise: Kraftvoll  und lässig dahingleiten, beim Bremsen der Batterie beim Laden zuschauen und bei offenen Fenstern und mäßigem Tempo in geschlossenen Ortschaften die Abwesenheit von Motorenlärm zu genießen.

Apropos „geschlossene Ortschaften“. Wer die heimische Ortschaft für eine mittlere Entfernung hinter sich lassen will, der sollte unbedingt darauf achten, dass sein e-Golf die optionale CCS-Ladedose (625 Euro Aufpreis) dabei hat. Denn nur so kann die 35,8 kWh fassende Batterie an einer der inzwischen reichlich vorhandenen Ladesäulen diverser Anbieter mit Wechselstrom geladen werden. Nach 45 Minuten sind dann 80% der Kapazität wieder verfügbar. Wer sich aufs Laden mit einer herkömmlichen Haushaltssteckdose verlässt, der muss muntere 17 Stunden warten, eh der Energiespeicher wieder aufgeladen ist. Die von VW angebotene Wallbox (595 Euro) für die heimische Garage schafft das in immerhin fünf Stunden.

Wer es bei der Nutzung des VW e-Golf als Zweitwagen für kurze Strecken belässt, der kommt aber mit der Wallbox vollkommen aus. Wer es nun noch schafft, seinem Arbeitgeber die Montage und kostenlosen Nutzung einer solchen in der Firma abzutrotzen (grünes Gewissen und so!), der pendelt mit dem Stromer sogar noch kostenlos (Das Aufladen des Wagens muss nicht als geldwerter Vorteil versteuert werden).

In der Praxis sieht das dann so aus: Während man bei der Arbeit seine Brötchen verdient, lädt draußen der Stromer auf Firmenkosten auf. Nach Feierabend steht somit eine Maximalreichweite von rund 255 Km auf der Uhr und die Tankkosten belaufen sich auf: NULL. Wir konnten den e-Golf mit entspannten 14,0 kWh auf 100 Km bewegen und damit kommen wir rechnerisch etwa auf erwähnte 255 km – gemessen auf unserer rund 25 km langen Teststrecke im Berufsverkehr (Landstraße, Stadt, Autobahn). Drauf angelegt haben wir den Verbrauch sogar auf 13,2 kWh gedrückt bekommen, hierzu muss man sich aber schon stark konzentrieren.

Und was gibt’s sonst noch so zu berichten? Ach ja: Dass es keinen festen Platz für die Ladekabel im e-Golf gibt, ist doof. Dass man geradezu unverschämt weit im Leerlauf rollt, wenn man den Fuß vom Gas nimmt, ist super und dass man – anders als mit GTI, Cabrio und Co. – gelegentlich immer noch von Nachbarn, Arbeitskollegen und Bekannten gefragt wird, wie sich so ein Ding denn fahre, macht diesen „normalen“ Golf, eben doch zu etwas ganz Besonderem.  Allerdings sind die Tage des VW e-Golf gezählt. Das ist nicht überraschend. Denn noch in diesem Jahr soll der neue ID.3 bei VW ein komplett neues Zeitalter einläuten. Nach Käfer und Golf soll das neue, voll auf den elektrischen Antrieb ausgelegte Modell, der dritte große Wurf der Wolfsburger sein.

Technische Daten*

Modell: VW e-Golf
Motor: Elektromotor
Leistung: 136 PS (100 kW)
Drehmoment: 290 Nm (liegen sofort an)
Antrieb: Frontantrieb, 1-Gang-Getriebe
Verbrauch (ECE): 14,1 kWh/100 Km (Akku: Lithium-Ionen mit 35,8kWh)
Laden: 15 Std. an einer 230V Steckdose, 5 Std. an einer Wallbox mit 3,6 kW. Wenn man die Gleichstrom-Schnellladung an öffentlichen Ladesäulen nutzt, erreicht die Batterie in 45 Minuten wieder 80 % ihrer Maximalladekapazität.
Reichweite: 231 km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 9,6 sek.
Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,27 m / 1,80 m / 1,48 m
Gewicht: 1.600 Kg
Grundpreis: 35.900 Euro (abzüglich diverser Prämien)

*Herstellerangaben

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