Ein Elektromotorrad mit Zweigang-Getriebe? Das klingt zunächst ungewöhnlich, schließlich kommen elektrische Antriebe in aller Regel mit einer einzigen Übersetzung aus. Der britische Spezialist E-Motiv Shift Systems will auf der EICMA 2026 in Mailand jedoch zeigen, warum zwei Gänge auch bei einem Elektromotor Vorteile bringen können. Seine neue Powershift-Technologie soll dabei besonders schnelle Gangwechsel ermöglichen – ohne den Vortrieb zu unterbrechen.

Mehr Beschleunigung und Effizienz durch zwei Übersetzungen
Elektromotoren liefern schon bei niedrigen Drehzahlen viel Drehmoment und arbeiten über einen breiten Drehzahlbereich. Deshalb verwenden die meisten Elektromotorräder und Elektroautos eine feste Übersetzung. Das spart Bauteile, Gewicht und Kosten. Allerdings muss sich der Hersteller auf einen Kompromiss zwischen kräftigem Antritt, hoher Endgeschwindigkeit und effizientem Betrieb festlegen.
E-Motiv will diesen Zielkonflikt mit einem kompakten Zweigang-Getriebe entschärfen. Eine kürzere Übersetzung könnte vor allem beim Beschleunigen helfen, während ein längerer zweiter Gang bei höherem Tempo Vorteile bietet. Das Besondere am Powershift-System: Beim Gangwechsel soll die Zugkraft nicht abreißen. Das Motorrad könnte also ohne spürbare Unterbrechung weiter beschleunigen.
Wie groß die Verbesserungen bei Beschleunigung, Verbrauch und Reichweite tatsächlich ausfallen, ist bislang offen. E-Motiv hat dazu noch keine belastbaren Vergleichsmessungen veröffentlicht.
Technik mit Wurzeln im Motorradrennsport
Die Entwicklung knüpft an das Zeroshift-Konzept an, das bereits vor rund 25 Jahren entstand. Eine frühe Generation der Technologie wurde 2015 in der Aprilia RS-GP in der MotoGP eingesetzt. Dort sind extrem schnelle Schaltvorgänge ohne nennenswerte Zugkraftunterbrechung ein entscheidender Vorteil.
Für den Elektroantrieb hat E-Motiv das Grundprinzip weiterentwickelt. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um eine neue, patentierte Lösung für leichte Elektrofahrzeuge und nicht einfach um ein angepasstes Renngetriebe.
Eine Million Pfund Förderung für die Entwicklung
Das Projekt wird im Rahmen eines britischen Forschungsprogramms mit einer Million Pfund gefördert. Beteiligt sind neben E-Motiv auch der Motorradhersteller BSA, die University of Bath und das Institute of Advanced Automotive Propulsion Systems (IAAPS).
Das neue Getriebe soll vom 3. bis 8. November auf der EICMA 2026 in Mailand vorgestellt werden. E-Motiv ist dort in Halle 9 am Stand S79 vertreten.
Demonstrationsmotorrad startet 2027 zu Praxistests
Die Technik soll nicht nur auf einem Messestand zu sehen sein. Mit dem Demonstrationsmotorrad Demo 1 bereitet E-Motiv auch praktische Erprobungen vor. Das Fahrzeug wurde von der britischen Designberatung Envisage entworfen und wird beim IAAPS aufgebaut.
Die ersten Tests sind für das erste Quartal 2027 vorgesehen. Angaben zu Leistung, Batteriegröße, Reichweite oder Höchstgeschwindigkeit des Motorrads liegen noch nicht vor. Erst die Erprobung dürfte zeigen, wie überzeugend das Getriebe unter realen Bedingungen funktioniert.
Und was bedeutet das für Elektroautos?
Interessant ist die Entwicklung auch für Autofahrer. Denn derselbe grundsätzliche Zielkonflikt gilt bei Elektroautos: Eine einzige Übersetzung ist einfach und effizient, zwei Gänge können bei bestimmten Antriebskonzepten zusätzliche Spielräume eröffnen. Dass ein Elektroauto mit zwei Gängen funktionieren kann, zeigt beispielsweise der Porsche Taycan, der an der Hinterachse ein Zweigang-Getriebe nutzt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass künftig jedes Elektroauto wieder schalten sollte. Zusätzliche Zahnräder, Schaltelemente und Steuerungstechnik bringen Kosten, Gewicht und mechanische Verluste mit sich. Der Nutzen muss deshalb größer sein als der Aufwand. E-Motivs Ansatz könnte vor allem dort interessant werden, wo kompakte Bauweise und hohe Fahrleistungen gefragt sind. Eine konkrete Anwendung in einem Pkw ist bislang aber nicht angekündigt.
Fazit: Spannende Entwicklung für elektrische Antriebe
Mit seinem Powershift-Getriebe will E-Motiv zeigen, dass auch bei Elektrofahrzeugen noch Potenzial in der Kraftübertragung steckt. Im Mittelpunkt steht zunächst das Elektromotorrad: Zwei Übersetzungen und nahtlose Schaltvorgänge sollen mehr Spielraum für Beschleunigung und Effizienz schaffen. Ob die Technik ihre Versprechen einlöst, werden die für 2027 geplanten Tests zeigen.
Quelle: Kurvenräuber

