BYD ist längst nicht mehr nur auf dem europäischen Pkw-Markt unterwegs. Auf der IAA Transportation 2026 zeigt der chinesische Hersteller mit dem ETT 44 jetzt, wie ernst es ihm mit dem nächsten großen Fahrzeugsegment ist. Und ausgerechnet im europäischen Schwerlastverkehr trifft der Konzern auf einige der traditionsreichsten Namen der Branche.
MAN, Mercedes-Benz, Scania oder Volvo prägen seit Jahrzehnten das Bild auf deutschen und europäischen Autobahnen. Künftig könnte sich zwischen ihnen allerdings häufiger ein bislang eher ungewohnter Name finden: BYD.
44 Tonnen, 651 kWh und bis zu 1.000 PS
Mit dem neuen ETT 44 präsentiert BYD eine vollelektrische 4×2-Sattelzugmaschine für bis zu 44 Tonnen Gesamtzuggewicht. Das Herzstück bildet eine gewaltige 651-kWh-Blade-Batterie mit LFP-Zellchemie.

BYD nennt für den Elektro-Lkw eine Reichweite von bis zu 600 Kilometern. Diese Angabe sollte aktuell allerdings noch als vorläufiger Herstellerwert verstanden werden. In den technischen Spezifikationen wird die Reichweite noch als „TBC“, also „to be confirmed“, geführt. Angaben zu Beladung, Testzyklus oder äußeren Bedingungen fehlen bislang.
An Leistung mangelt es dem ETT 44 jedenfalls nicht. Regulär stehen bis zu 743 PS zur Verfügung, kurzfristig sollen sogar bis zu 1.000 PS Systemleistung möglich sein. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 90 km/h.
Mehr als 1,5 Megawatt Ladeleistung
Noch eindrucksvoller wird es beim Laden. Über den Megawatt Charging Standard, kurz MCS, soll der ETT 44 mit mehr als 1,5 Megawatt laden können.
Damit soll die riesige Batterie innerhalb von maximal 20 Minuten von 20 auf 80 Prozent gebracht werden können. Rechnerisch werden dabei rund 391 kWh Energie nachgeladen. Laut BYD reicht das für bis zu 400 zusätzliche Kilometer Reichweite.

Damit rückt das Laden eines schweren Elektro-Lkw zeitlich in einen Bereich, der sich mit den ohnehin notwendigen Pausen im Fernverkehr verbinden lässt – vorausgesetzt, die entsprechende MCS-Infrastruktur steht zur Verfügung.
Auch klassisches CCS2 beherrscht der ETT 44. Hier sind bis zu 420 kW möglich, wodurch der Ladehub von 20 auf 80 Prozent maximal 60 Minuten dauern soll.
BYD kommt nicht nur mit einem Lkw
Der ETT 44 ist allerdings nur die auffälligste Spitze einer wesentlich größeren Offensive. BYD erweitert sein europäisches Nutzfahrzeugangebot gleichzeitig um neue 4×2- und 6×2-Modelle. Damit soll die Palette künftig vom 3,5-Tonner bis zum schweren 44-Tonnen-Lkw reichen.
Und genau hier wird die Präsentation für den europäischen Markt interessant.
BYD hat in den vergangenen Jahren vor allem mit seinen Pkw international massiv expandiert. Jetzt überträgt der Konzern einen entscheidenden Teil dieser Strategie auf Nutzfahrzeuge: Batterien, Leistungselektronik, Fahrzeuge, Energiespeicher und zunehmend auch die Ladeinfrastruktur kommen aus einem weitgehend vertikal integrierten Ökosystem.
Beim Lkw will BYD sogar noch einen Schritt weiter gehen. Flottenbetreibern sollen neben den Fahrzeugen auch Finanzierung, Ladeinfrastruktur, Energieversorgung und Service angeboten werden.
Aus einem einzelnen Elektro-Lkw wird damit ein komplettes Angebot für Logistikunternehmen.
Überraschend konservativer Innenraum
Was bisher vom Innenraum zu sehen war, ist recht klassisch gehalten, mit sinnvollen Modernisierungen. Dem Branchen-Exrem-Minimalismus von Tesla scheinen in Europa bisher die wenigsten zu folgen, wenn es um den Innenraum von hochfunktionalen LKW-Innenräumen geht. Hier geht BYD voll auf die Standards ein, erfindet das Rad nicht neu und will den Umstieg zur Selbstverständlichkeit machen.

Der nächste chinesische Angriff auf ein europäisches Kernsegment?
Dass chinesische Hersteller auf den europäischen Automarkt drängen, ist inzwischen keine Überraschung mehr. Im schweren Lkw-Verkehr sieht das noch anders aus.
Hier dominieren Hersteller wie Daimler Truck, MAN, Volvo Trucks und Scania – Marken, die teilweise seit Generationen fest mit dem europäischen Güterverkehr verbunden sind.
Doch auch dieser Markt bekommt zunehmend Konkurrenz aus China. Neben BYD arbeiten unter anderem Sany, Sinotruk oder Skyworth am europäischen Markteintritt. BYD bringt dabei etwas mit, das man bereits aus dem Pkw-Geschäft kennt: enorme Fertigungstiefe und viel Erfahrung mit Batterien und elektrischen Antrieben.
Der ETT 44 soll ab dem zweiten Quartal 2027 ausgeliefert werden. BYD denkt dabei bereits über den eigentlichen Import hinaus. Stella Li, Executive Vice President des Konzerns, erklärte gegenüber dem Handelsblatt, langfristig solle alles, was BYD in Europa verkauft, auch in Europa produziert werden.
Konkrete Pläne für eine europäische Lkw-Produktion gibt es bislang allerdings nicht.
Ob 1.000 PS und 1,5 MW reichen, entscheidet nicht das Datenblatt
Technisch setzt BYD mit dem ETT 44 zumindest ein deutliches Ausrufezeichen. 651 kWh Batterie, bis zu 1.000 PS und mehr als 1,5 MW Ladeleistung müssen sich vor der etablierten europäischen Konkurrenz nicht verstecken.
Im Nutzfahrzeuggeschäft zählen allerdings andere Faktoren mindestens genauso stark: Anschaffungskosten, Betriebskosten, Zuverlässigkeit, Restwerte und vor allem ein belastbares Werkstatt- und Servicenetz.
Genau daran wird sich zeigen, wie schnell aus einem spektakulären Messestand auf der IAA tatsächlich ein alltäglicher Anblick auf deutschen Autobahnen wird.
Dass BYD diesen Anblick offenbar fest eingeplant hat, dürfte bei Europas etablierten Lkw-Herstellern jedenfalls aufmerksam registriert werden.

